Das Saarland, das kleinste Bundesland Deutschlands, ist als ehemalige Bergbauregion bis heute eng mit Kohle und Stahl verbunden. Seit der Industrialisierung erlebte die Region einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Steinkohlereviere Europas. Innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfachte sich die Bevölkerung und erreichte in den 1950er- und 1960er-Jahren ihren Höhepunkt.
Mit der Kohlekrise der 1960er-Jahre und der Stahlkrise der folgenden Jahrzehnte begann jedoch ein tiefgreifender und schmerzhafter Strukturwandel. Der Bergbau verlor zunehmend an Bedeutung, viele Arbeitsplätze gingen verloren und die Bevölkerungszahl nahm kontinuierlich ab. Die Kohleförderung wurde schrittweise eingestellt und endete schließlich im Jahr 2012.

Industrie im Wandel
Seit den 1960er- und 1970er-Jahren wurde die Kohle- und Stahlindustrie zunehmend durch neue Wirtschaftszweige ersetzt – allen voran die Automobilindustrie. Heute ist etwa jeder zweite Industriearbeitsplatz im Saarland direkt oder indirekt mit ihr verbunden. Sowohl die Automobil- als auch die Stahlindustrie sind für die saarländische Wirtschaft von großer Bedeutung und stehen derzeit vor tiefgreifenden Transformationsprozessen. Werksschließungen, Stellenabbau und Standortverlagerungen treffen das Saarland daher besonders stark und stellen die Region erneut vor weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen.
Demografischer Wandel
Seit Jahrzehnten ist die Bevölkerung des Saarlandes rückläufig – ein Trend, der sich voraussichtlich fortsetzen wird. Gleichzeitig weist das Bundesland das höchste Durchschnittsalter aller westdeutschen Bundesländer auf. Bevölkerungsrückgang und Alterung stehen in engem Zusammenhang mit den wirtschaftlichen und industriellen Umbrüchen der Region. Viele Kommunen sehen sich heute mit erheblichen sozialen, finanziellen und infrastrukturellen Herausforderungen konfrontiert.

Nach dem Bergbau: Zwischen Erbe und Zukunft
Der Bergbau hat das Saarland weit über seine wirtschaftliche Bedeutung hinaus geprägt. Er hat Landschaften und Infrastrukturen ebenso geformt wie Traditionen, Werte und alltägliche Lebensweisen.
In der heutigen Postbergbau-Zeit sucht das Saarland nach Weisen, die Vergangenheit und Zukunft neu zu erzählen. Die Region setzt sich mit der Geschichte des Bergbaus auseinander und versucht zugleich, sich neu zu erfinden und Zukunftsvisionen für die Zeit nach der Kohle zu entwickeln. Einige ehemalige Bergwerke wurden zu bedeutenden Orten des industriellen Erbes umgestaltet, die das historische Erbe bewahren und zugleich neue touristische und kulturelle Impulse setzen – wie etwa das „Erlebnisort Reden“ bei Schiffweiler, der als Leuchtturmprojekt des Strukturwandels im Saarland gilt.
Während Politiker*innen und Unternehmen neue Zukunftsideen entwickeln und umsetzen, möchte unser Projekt die Perspektiven, Geschichten und Ideen der Menschen in den Vordergrund rücken, die diese Veränderungen tagtäglich erleben. Welche Geschichten sind für die Menschen vor Ort besonders bedeutsam? Welche Hoffnungen und Sorgen verbinden sie mit der Zukunft? Wie stellen sie sich ein lebenswertes Saarland von morgen vor? Welche Ideen haben sie für die Neugestaltung und Wiederbelebung der Region nach dem Ende des Bergbaus?
Gemeinsam mit Bewohner*innen sowie Kunst- und Kulturschaffenden möchten wir utopische Vorstellungen möglicher Zukünfte entwickeln, die über einfache Erzählungen von Fortschritt oder Niedergang hinausgehen.

Zwei Orte
Unser Projekt untersucht, wie Bewohner*innen verschiedener Generationen die Veränderungen im Saarland erleben und sie von der Vergangenheit und Zukunft ihrer Orte erzählen und gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei saarländische Gemeinden:
Schiffweiler im Landkreis Neunkirchen zählt rund 15.000 Einwohner*innen und ist bis heute stark von seiner Bergbaugeschichte geprägt. Mit der Schließung des Bergwerks Reden im Jahr 1995 (das bis 2000 als Verbundbergwerk Göttelborn-Reden weitergeführt wurde) endete ein prägendes Kapitel der Gemeindegeschichte. Aus der ehemaligen Bergbaugemeinde entwickelte sich eine Wohn- und Dienstleistungsgemeinde, die heute vor vielfältigen Herausforderungen steht. Das ehemalige Bergwerk Reden wurde in einen „Erlebnisort“ für Freizeit, Tourismus und erneuerbare Energien umgestaltet und gilt als eines der bedeutendsten Beispiele für den Strukturwandel im Saarland.
Nalbach, eine Gemeinde mit rund 9.000 Einwohner*innen, liegt etwa 25 Kilometer entfernt im Landkreis Saarlouis – nahe jener Region, in der bis in die 2000er-Jahre die letzte Steinkohle des Saarlandes gefördert wurde. Bergbaubedingte Erdbeben und zahlreiche Schäden an Wohnhäusern führten hier zu langjährigen Protesten der betroffenen Bevölkerung, die maßgeblich zum vorzeitigen Ende des saarländischen Steinkohlenbergbaus im Jahr 2012 beitrugen. Bis vor kurzem waren das Stahlwerk Dillinger Hütte und das Ford-Werk die wichtigsten Arbeitgeber für die Einwohner*innen von Nalbach. Mit der Schließung des Ford-Werks Ende 2025 verschärft sich die aktuelle Krise der Automobilindustrie weiter. Gleichzeitig plant die Dillinger Hütte mit dem Projekt „Grüner Stahl“ – die Umstellung der Stahlproduktion von Kohle auf Wasserstoff – eines der ambitioniertesten Dekarbonisierungsprojekte in Europa.
Projekt Partner
Wir möchten uns ganz herzlich bei unseren Partnern vor Ort für ihre großartige Unterstützung bedanken!
Gemeinde Nalbach, Gemeinde Schiffweiler, Erlebnisort Reden, Stadtgalerie Saarbrücken, Netzwerk Freie Szene Saar e.V.

Nehmen Sie Kontakt zu uns auf!
Haben Sie Ideen zur Zukunft des Saarlandes oder Geschichten über seine Vergangenheit? Wir würden uns sehr freuen, von Ihren Erfahrungen und Ideen zu hören!
Wenn Sie in Schiffweiler oder Nalbach – oder in der Umgebung – leben oder gelebt haben und Ihre Geschichte mit uns teilen möchten, laden wir Sie herzlich ein, Teil des Projekts zu werden!
Wenden Sie sich an Fiona Schrading: schrading@em.uni-frankfurt.de // 0176 70304713