Im Herzen von Bridgeton, einem ehemaligen Industriegebiet im East End von Glasgow, liegt die Glasgow Women’s Library – ein einzigartiger Ort, der Museum, Archiv, Ausstellungsraum, Bibliothek und Gemeinschaftsraum in einem ist und sich der Würdigung und Bewahrung der Frauengeschichte widmet.
Im Erdgeschoss, umgeben von Büchern, sitzen zwölf Frauen an einem großen Eichentisch zum ersten Conversation Café des Jahres 2026. Vor uns stehen große, bunte Teekannen, Tassen und Leckereien. Zarte Blumen stehen in vier mit Tartan umwickelten Marmeladengläsern. Die hier versammelten Frauen repräsentieren drei verschiedene Kontinente der Erde – Afrika, Asien und Europa. Doch wie Deborah, eine Lehrerin für Lese-, Schreib- und Rechenunterricht für Erwachsene in der Bibliothek sowie Leiterin des Conversation Cafés, uns erinnert: „Ihr seid jetzt alle Glasgowerinnen.“

Das Thema des Gesprächscafés lautet „utopische Zukunftsvisionen“. Und gibt es einen besseren Zeitpunkt als das neue Jahr, um von einem lebenswerteren Glasgow zu träumen? Wenn wir von Utopismus sprechen, geht es darum, Hoffnung zum Ausdruck zu bringen und Wünsche nach besseren und anderen Lebensweisen in der Zukunft zu formulieren.
Wir beginnen mit einer lebhaften Diskussion darüber, was uns an Glasgow gefällt, und sind darin einig, Glasgows als eine herzliche, einladende Stadt zu empfinden. Aber natürlich ist Glasgow nicht perfekt. Und Deborah ermutigt uns Kritik zu üben – einem wichtigen Bestandteil utopischen Denkens –, indem wir uns gemeinsam mit alteingesessenen und neu zugezogenen Glasgower*innen fragen, wie eine bessere Zukunft für Glasgow aussehen könnte.
Zunächst tauschen wir erste Gedanken miteinander aus, bevor wir neue Wappen für Glasgow entwerfen, die unsere Vorstellungen und Wünsche für die Stadt ausdrücken. Im Folgenden stelle ich fünf unterschiedliche Wünsche vor, die in unserer Gesprächsrunde entstanden sind.
Verlassenen Orten neue Perspektiven geben
Glasgow hat den höchsten Anteil an Einwohner*innen, die in der Nähe von Brachflächen leben, in ganz Schottland. Goldregen wächst ungehindert aus verfallenen Gebäuden, und manche Grundstücke stehen leer und sind eingezäunt, wobei Schutt das einzige Zeichen früherer Nutzung ist.
Es ist daher vielleicht nicht verwunderlich, dass sich eine Vision für Glasgow um Gebäude dreht. „Es gibt so viele verlassene Gebäude“, sagt eine junge Frau, es „tut weh, sie zu sehen“. „Ich würde ihnen eine Funktion geben“, sagt sie. Gebäude sind mehr als nur Ziegel und Mörtel. Wir empfinden eine emotionale Verbindung zu den physischen Gebäuden, aus denen unsere Städte bestehen, und empfinden Verlust, wenn sie vernachlässigt werden. Und die Frau ist nicht die Einzige, die verlassenen Gebäuden einen Sinn geben möchte. Ihre Worte spiegeln die Gefühle wider, die so viele andere Glasgower*innen, die ich getroffen habe, zum Ausdruck gebracht haben. Im Rahmen meiner Recherche haben mir Einwohner*innen von dem „Herzschmerz“ erzählt, den sie empfinden, wenn sie durch einst blühende Straßen im Stadtzentrum gehen, und ein Teil des utopischen Denkens für Glasgow liegt sicherlich darin, eine Zukunft für diese Gebäude neu zu entwerfen.

Lasst den Clyde aufblühen
Das Gespräch wendet sich bald einem weiteren zentralen Teil der Stadt zu: dem Fluss Clyde. Eine Frau fragt die Tischrunde: „Was haltet ihr vom Fluss? Nehmt ihr ihn wahr?“ Ihre Frage verdeutlicht die vernachlässigte Stellung, die der Fluss in der Stadt einnimmt. Einst das Lebenselixier von Glasgows industrieller Vergangenheit, teilt der Clyde die Stadt in zwei Hälften, ist aber irgendwie ein Fluss, der von seinen Menschen getrennt ist. Für diese Frau ist der Clyde unzureichend genutzt und unzugänglich. Sie fordert uns auf, an London und Paris zu denken und an das pulsierende Leben an den Ufern der Themse und der Seine. In ihrem utopischen Glasgow würden die Bewohner ein reges Leben am Fluss führen. „Ich würde mir Passagierfähren wünschen. Ich würde mir kleine Boote wünschen“, sagt sie, und Cafés ebenfalls. Sie ist nicht die Einzige, die sich mehr für den Clyde wünscht, und ihre Ansicht deckt sich mit dem Podcast-Projekt „Who Owns the Clyde?“ das mögliche Zukunftsszenarien für den Fluss beleuchtet.
Ein sonnigeres Glasgow schaffen
Für eine Frau ist Glasgow seit mehreren Jahren ihr Zuhause, seit sie den Sudan verlassen hat. Der Charakter von Glasgow sei voller Wärme, sagt sie, doch etwas mehr Sonne könnte die Stadt doch vertragen. Sie spricht von den negativen Auswirkungen des „dreich“ (schottisch für trüben oder düsteren) Wetters und den Vitamin D-Mangel für ihre dunkle Haut. Auch wenn wir keine Zukunft mit mehr Sonnenschein erschaffen können (abgesehen von den beängstigenden Aussichten des Klimawandels), liegt diesem Wunsch doch der Traum von Aufschwung zugrunde. Bemerkungen über Gesundheit sind besonders bedeutsam für eine Stadt, deren schlechte Gesundheitswerte sogar zur Prägung des Begriffs des sogenannten „Glasgow Effect“ geführt haben.
Die entscheidende Frage für eine bessere Zukunft in Glasgow lautet vielleicht: Wie können wir die bauliche und soziale Infrastruktur der Stadt so verändern, dass man sich hier wie an einem strahlenden Sommertag fühlt, auch wenn draußen „dreiches“ Wetter herrscht? Wie können wir eine Gesellschaft schaffen, die es den Menschen ermöglicht, die kalten, dunklen Wintermonate auf angenehmere und gesündere Weise zu meistern?

Bessere Verbindungen
Ein gemeinsamer Wunsch ist ein kostenloses (oder günstigeres), sicheres und zuverlässiges öffentliches Verkehrsnetz. Das Motto einer Frau, „Lass Glasgow sich verbinden“, knüpft an das Motto „Lasst Glasgow aufblühen“ an, stellt jedoch Verbindungen in den Mittelpunkt und bringt den Wunsch nach Möglichkeiten für Gespräche, leicht zugänglichen Informationen und Orten zum Kennenlernen von Menschen zum Ausdruck – all das soll kostenlos und ohne Anmeldung nutzbar sein. Eine Frau, eine junge Studentin, führt aus, dass sie ihr Auto verkauft habe, um Geld zu sparen, nun aber monatlich mehr für Busfahrten ausgebe als zuvor für Benzin. Ansätze solcher stärker vernetzten Zukünfte sind bereits sichtbar – und nicht nur innerhalb der Wände der Glasgow Women’s Library. Im Februar 2026 startete der Stadtrat von Glasgow ein Pilotprojekt, das 1.000 Einwohner*innen für sieben Wochen kostenlose und unbegrenzte Fahrten mit Bus, Zug und U-Bahn ermöglicht. Dies ist Utopismus in der Praxis, da das Pilotprojekt eine alternative Vorstellung davon erprobt, wie Verkehr in Glasgows Zukunft funktionieren könnte.
Lasst uns im Einklang mit den Bäumen leben
Bäume stehen im Mittelpunkt einer Diskussion, in der eine Frau bedauert, dass Bäume aus dem städtischen Raum ausgeschlossen sind. „Glasgow hat Bäume“, sagte sie, „aber man muss in einen Park gehen, um sie zu finden“. Sie fragt sich: Warum können Bäume nicht besser in die Stadt integriert werden? In ihrem neuen Wappen für Glasgow stellt sie Bäume, Blumen, Äpfel, Regen und ansprechende, warme Gebäude dar. Ihr Glasgow ist durch die Sinne vereint, eingefangen im Motto „Riech es, sieh es, schmeck es, hör es, fühl es!“ Ihr imaginäres Glasgow ist ein Ort, an dem man durch offene Märkte schlendern und vom Duft frischer Produkte begrüßt werden kann. Ihre Stadt würde Pflanzen und Bäume nicht auf spezielle Parkflächen verbannen, sondern dafür sorgen, dass Bäume fester Bestandteil jedes Winkels der Stadt sind und jeden Schritt auf deinem Weg durch die Stadt begleiten. Ihre Vision weckte bei einer Frau Erinnerungen an eine Zeit, als der George’s Square ein grünerer, öffentlicherer Ort war und Kisten mit Hyazinthen ihren berauschenden, blumigen Duft über den Platz verbreiteten. Als weiterer Hoffnungsschimmer für diese Zukunft wird der George’s Square heute saniert, um ihn als grüneren Ort der Zusammenkunft wiederzubeleben.

Was ist entscheidend für die Zukunft von Glasgow?
Hinter vielen dieser Visionen für Glasgow steht der Wunsch nach dem, was Eric Klinenberg als „Soziale Infrastruktur,“ bezeichnet – ein Begriff, der Orte beschreibt, an denen Menschen zusammenkommen und miteinander interagieren. Soziale Infrastruktur umfasst Busse, Bibliotheken, Parks, Spielplätze, Cafés, Kneipen, Fußwege, Radwege oder Gemeindezentren. Es handelt sich um jeden öffentlichen Ort, an dem man sich nicht gehetzt fühlt und an dem man sich austauschen kann. Nirgendwo kam dieser Wunsch deutlicher zum Ausdruck als in dem Wunsch einer Frau nach einer Stadt, in der sich Menschen in öffentlichen Räumen treffen, tanzen und lachen. Zu Beginn unseres Gesprächs erzählte diese neue Glasgowerin von ihrer Busfahrt zur Arbeit, auf der ihre Mitpendler*innen sich nach ihr erkundigen, ihren Namen kennen und eine Art Gemeinschaft bilden. Was ist entscheidend für die Zukunft von Glasgow?
Diese Verbindungen, so Klinenberg, schaffen starke, widerständige Gemeinschaften, sodass bei gefährlichen Ereignissen wie der COVID-19-Pandemie oder zerstörerischen Stürmen wie dem Sturm Éowyn, der Glasgow traf, weniger Menschen zu kämpfen haben und die Sterblichkeitsraten sinken.
Was haben wir also über die Hoffnungen für die Zukunft von Glasgow gelernt? Das Gesprächscafé hat mir vor Augen geführt, wie wichtig es ist, nicht nur zu wissen, was sich die Menschen für die Zukunft wünschen, sondern diese utopischen Sehnsüchte auch ernst zu nehmen. Unsere Wünsche können als Wegweiser dienen können, denn, wie Ruth Levitas sagt: „Wo keine Vision ist, geht das Volk unter“.
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