Die Eisenblüte – Ein Schatz zwischen Abbau und Erinnerung

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Die meisten Dinge die mit dem Bergbau assoziiert werden sind groß, schwer oder zumindest nützlich: Bagger, Lastwagen, Hochöfen, Erz. Die Eisenblüte passt jedoch nicht ganz in dieses Bild. In der Stadt Eisenerz, welche in den steirischen Alpen liegt, prägt der Bergbau seit Jahrhunderten Landschaft, Industrie und den Alltag der Menschen. Über der Stadt ragt der Erzberg, dessen charakteristische Stufenform vom Abbau gezeichnet ist. Als einer der modernsten Bergbaustandorte Mitteleuropas stellt er auch heute noch einen wichtigen Ort der Rohstoffgewinnung dar und bedingt damit nicht nur die Wirtschaft der Region maßgeblich, sondern auch ihre Erinnerungskultur.

A landscape photo of the Erzberg mountain with visible mining excavation
Blick auf den Erzberg vom Pfaffenstein. Fotografiert von Katrin Lehner.

Auch die Eisenblüte kommt im steirischen Erzberg vor. Sie ist überaus fragil und ihre hellen, glitzernden Kristalläste wachsen in verschlungenen Mustern, die an Korallen, Wurzeln oder gefrorene Blüten erinnern. Betrachtet man sie genauer, fällt es schwer zu glauben, dass dieses filigrane Objekt aus demselben Berg stammt, der seit Jahrhunderten Eisenerz liefert. Die Eisenblüte entsteht dabei langsam in den Hohlräumen des Gesteins. Schon lange bevor Menschen den Berg erschlossen, formten Wasser und Mineralien ihre außergewöhnlichen Strukturen. Doch im Gegensatz zum Eisenerz lässt sich die Eisenblüte nicht zu Stahl verarbeiten und sie erfüllt auch keinen anderen industriellen Zweck. Trotzdem wurde sie zu einem begehrten Schatz des Erzbergs. Ihre Geschichte ist dabei eng mit jener des Bergbaus verbunden – denn erst durch den Abbau wurden die Eisenblüten überhaupt sichtbar. Ohne den Abbau wären die meisten Exemplare wohl immer noch tief im Inneren des Berges verborgen. Gleichzeitig lenkt die Eisenblüte den Blick auf etwas, das im Bergbau eigentlich nicht zentral ist. Anstatt den Erzberg als vermeintlich bloßen Lieferant von Eisenerz zu verstehen, macht die Eisenblüte deutlich, dass der Berg weit mehr zu bieten hat als verwertbare Ressourcen.

Doch die Beziehung zwischen der Eisenblüte und dem Bergbau hat sich im Laufe der Zeit verändert. Der frühere händische Abbau erlaubte, dass die empfindlichen Kristallstrukturen geborgen wurden – wenn auch nur selten. Heute machen moderne Sprengtechniken solche Funde jedoch sehr unwahrscheinlich, da die filigranen Mineralienformationen den Praktiken des industriellen Abbaus nicht standhalten können. Dadurch sind Eisenblüten nicht nur geologische Besonderheiten, sondern auch zu Zeugen einer vergangenen Zeit des Bergbaus geworden. Viele werden über Familiengenerationen hinweg vererbt und als besondere Erinnerungsstücke aufbewahrt. Ihr Wert liegt also nicht allein in ihrer Seltenheit, sondern auch in den Geschichten, Erinnerungen und Beziehungen, die mit ihr verbunden werden. Ein Bewohner von Eisenerz erzählte mir etwa, dass sein Großvater, einst Bergmann, vor vielen Jahrzehnten eine Eisenblüte während seiner Arbeit gefunden habe. Seither hat sie einen prominenten Platz im Wohnzimmer der Großmutter inne. Zwar wurde die Eisenblüte kürzlich an den jungen Mann vererbt, als Erinnerungsstück und Familienschatz soll sie jedoch bei der Großmutter bleiben, solange diese lebt. Bei jedem Besuch erinnert ihn die Eisenblüte nun an die tiefe Verbundenheit seiner Familie mit Eisenerz und an die lange Geschichte des Berges.

Heute ist die Eisenblüte eine Art regionales Symbol. Man findet sie in Museen, Privatsammlungen und als Souvenir. Dabei eröffnet sie einen neuen Blick auf den Erzberg: Anstatt ihn primär als Rohstoffquelle zu betrachten, verweist sie auf die vielen Geschichten und Materialitäten, die neben dem Abbau existieren.

Die hier gezeigte Eisenblüte wurde im Mineralienmuseum Eisenerz fotografiert.

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